Alkoholfreier Wein: Wie er hergestellt wird — und woran Sie guten erkennen

Alkoholfreier Wein ist kein Traubensaft mit anderem Etikett. Wie die Entalkoholisierung funktioniert, welche drei Verfahren es gibt und an welchen fünf Angaben Sie beim Kauf einen guten von einem schwachen unterscheiden.


Von Stephan Uhlenbusch
7 Min. Lesezeit

Alkoholfreier Wein in zwei Gläsern mit Trauben und Korken auf Travertin

„Alkoholfreier Wein ist doch nur Traubensaft mit anderem Etikett." Das hört man bis heute — und es stimmt nicht. Der Unterschied liegt darin, dass alkoholfreier Wein einmal Wein war: Er wurde vergoren, und erst danach wurde ihm der Alkohol entzogen.

Dieser Artikel erklärt, wie das technisch funktioniert, welche drei Verfahren im Markt sind — und an welchen fünf Angaben auf der Flasche Sie einen ordentlich gemachten alkoholfreien Wein von einem schwachen unterscheiden. Wenn Sie direkt stöbern möchten: hier geht es zur Auswahl alkoholfreier Wein und zu alkoholfreiem Sekt & Schaumwein.

Ist alkoholfreier Wein wirklich ohne Alkohol?

Nicht ganz. In Deutschland darf ein Getränk als „alkoholfrei" bezeichnet werden, wenn es höchstens 0,5 % vol. enthält — dieselbe Regel wie bei alkoholfreiem Bier. Wer vollständigen Verzicht braucht, achtet auf die Angabe 0,0 %: Diese liegt unter der lebensmittelrechtlichen Nachweisgrenze.

Zur Einordnung: Auch Lebensmittel, die niemand als alkoholisch wahrnimmt, enthalten Spuren — reifes Obst und Fruchtsäfte etwa können durch natürliche Gärung geringe Mengen aufweisen. Wenn Sie aus medizinischen Gründen oder in der Schwangerschaft strikt verzichten möchten, besprechen Sie das bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und greifen Sie zu ausgewiesenen 0,0-%-Produkten.

Wie wird alkoholfreier Wein hergestellt?

Der Anfang ist identisch mit klassischem Wein: Die Trauben werden gelesen, gepresst und vergoren. Erst am fertigen Wein setzt die Entalkoholisierung an. Dafür gibt es zwei ernstzunehmende Verfahren — und einen dritten Weg, der etwas anderes ist, als er verspricht.

Vakuumdestillation

Der Wein wird unter starkem Unterdruck erwärmt. Im Vakuum sinkt der Siedepunkt des Alkohols so weit, dass er bereits bei niedrigen Temperaturen verdampft — deutlich unterhalb dessen, was die hitzeempfindlichen Aromen beschädigen würde. Der Alkohol wird abgeschieden, zurück bleibt ein Wein mit unter 0,5 % vol., dessen Aromenstruktur weitgehend erhalten ist.

Das ist das aufwendigste Verfahren und liefert die überzeugendsten Ergebnisse: erkennbare Säure-Linie, sortentypische Frucht und bei Rotweinen eine Gerbstoff-Struktur, die im Mund stehen bleibt.

Schleuderkegelkolonne

Hier läuft der Wein durch eine Säule rotierender Kegel. In einem ersten Durchgang werden die flüchtigen Aromen abgetrennt und aufgefangen, in einem zweiten der Alkohol entfernt — danach werden die zuvor gesicherten Aromen zurückgeführt. Auch dieses Verfahren arbeitet schonend, verlangt aber eine erhebliche Anlagen-Investition.

Der dritte Weg: aromatisierter Traubensaft

Manche günstigen Produkte sind im Kern kein entalkoholisierter Wein, sondern Traubensaft oder Traubensaftkonzentrat mit zugesetzten Aromen. Rechtlich sind das keine alkoholfreien Weine, sondern weinhaltige oder aromatisierte Getränke — ein Blick auf die Verkehrsbezeichnung im Kleingedruckten verrät es. Geschmacklich merkt man es an parfümierter Frucht und einem dünnen Körper ohne Nachhall.

Woran erkennt man guten alkoholfreien Wein? Fünf Angaben

  • Die Verkehrsbezeichnung. Steht dort „entalkoholisierter Wein", war das Produkt einmal Wein. Steht dort „weinhaltiges Getränk" oder „aromatisiertes Getränk", nicht.
  • Das Verfahren. Hersteller, die aufwendig entalkoholisieren, schreiben es aufs Etikett oder auf die Website. Fehlt die Angabe ganz, ist das ein Hinweis.
  • Die Rebsorte. Ein sortenrein ausgewiesener Riesling, Sauvignon Blanc oder Pinot Noir lässt sich geschmacklich prüfen. „Weißwein alkoholfrei" ohne Sorte lässt offen, was drin ist.
  • Der Restzucker. Beim Alkoholentzug gehen Aromen verloren, und es können Fehltöne entstehen — kochige, oxidative Noten. Zucker überdeckt beides zuverlässiger als jedes andere Mittel, weshalb ein hoher Restzuckerwert oft auf einen schwachen Grundwein oder ein grobes Verfahren hindeutet. Die Angabe steht bei den meisten Manufakturen auf der Rückseite.
  • Der Restalkohol. „Unter 0,5 % vol." und „0,0 %" sind beides zulässige Kennzeichnungen, meinen aber Unterschiedliches. Wer strikt verzichtet, achtet auf 0,0 %.

Welcher alkoholfreie Wein schmeckt wie echter Wein?

Am ehesten Weißweine und Schaumweine. Ihr Reiz liegt in Säure, Frucht und Perlage — alles Komponenten, die die Entalkoholisierung gut überstehen. Ein entalkoholisierter Riesling oder Sauvignon Blanc kommt seinem Vorbild deshalb erstaunlich nahe.

Schwieriger sind Rotweine. Körper, Wärme und die Art, wie Tannin sich im Mund aufbaut, hängen eng am Alkohol. Ein alkoholfreier Rotwein, der Frucht und Struktur zeigt, ist deshalb die höhere handwerkliche Leistung — und der ehrlichste Prüfstein für einen Hersteller.

Welches ist der beste alkoholfreie Wein?

Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten — sie hängt davon ab, ob Sie einen Aperitif, eine Menübegleitung oder einen Wein zum Grillabend suchen. Aus unserer Auswahl drei Linien, die unterschiedliche Wege gehen:

Goodvines

Eine deutsche Manufaktur, die sich vollständig auf alkoholfreien Wein spezialisiert hat. Die Linie deckt klassische Rebsorten ab: Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon und Merlot Rosé, dazu ein Sparkling Riesling und im Winter der Glühvine in rot und weiß. Ein guter Einstieg für Weintrinker, die auf Alkohol verzichten möchten, ohne die Sortentypik aufzugeben.

Manufaktur Jörg Geiger — die Grad-Linie

Aus dem schwäbischen Schlat kommen fünf sortenreine entalkoholisierte Weine: 32° Riesling, 33° Pinot Meunier, 35° Sauvignon Blanc, 36° Grenache und 37° Pinot Noir. Jeder stammt aus einer Rebsorte und einer Lage, wird vergoren und anschließend entalkoholisiert.

Die Gradzahl im Namen ist keine Herkunftsangabe, sondern eine Verfahrensangabe: Sie nennt die Temperatur, bei der der jeweilige Wein entalkoholisiert wird. Wie im Kapitel zur Vakuumdestillation beschrieben, verdampft der Alkohol unter Unterdruck bereits bei gut 30 °C — und jede Rebsorte bekommt genau die Temperatur, die ihre Aromatik am besten übersteht. Der Riesling läuft bei 32 °C, der Pinot Noir bei 37 °C. Ein Detail, das zeigt, wie fein hier justiert wird.

Daneben führt die Manufaktur die Edition Lamothe als eigene alkoholfreie Cuvée — ein separates Produkt, keine Sammelbezeichnung für die Grad-Linie.

Für eine Menübegleitung über mehrere Gänge ist die Grad-Linie die naheliegendste Wahl, weil Sie die Sorte zum Gang wählen können.

Oliver Zeter — Zero Hero

Aus der Pfalz kommt mit dem Zero Hero Sauvignon Blanc 0 % ein entalkoholisierter Weißwein eines Weinguts, das seinen Namen mit alkoholhaltigen Weinen gemacht hat — und ihn hier bewusst auf ein 0,0-Produkt setzt.

Und wenn es prickeln soll?

Dann führen drei Wege zum Ziel, und sie sind grundsätzlich verschieden:

  • Entalkoholisierter Schaumwein — vergorener Sekt, dem der Alkohol entzogen wurde. Etwa die Geiger ViSecco-Linie in Pinot Meunier und Sauvignon Blanc oder der Goodvines Sparkling Riesling.
  • Schaumwein aus Streuobst — nie vergoren, deshalb auch nie entalkoholisiert. Die Geiger PriSecco-Cuvées gehören hierher; wie sie entstehen, steht in Wie wird PriSecco gemacht?
  • Frucht-Cuvées vom Sekthaus — das Sekthaus Raumland führt unter Zerozzante vier Cuvées aus weißen Trauben, roten Trauben, rotem Wildapfel sowie Traube und Rhabarber.

Die ganze Bandbreite finden Sie unter alkoholfreier Sekt & Schaumwein.

Was darf alkoholfreier Wein kosten?

Ein entalkoholisierter Wein beginnt als vollwertiger Wein — die Trauben, die Lese und die Gärung kosten dasselbe wie sonst auch. Der Alkoholentzug kommt als zusätzlicher Verfahrensschritt obendrauf, mit Energie- und Anlagenaufwand. Deshalb liegt ein ordentlicher alkoholfreier Wein preislich eher bei einem einfachen Qualitätswein als bei einem Traubensaft.

Umgekehrt gilt: Wenn eine Flasche deutlich weniger kostet als ein günstiger Wein derselben Sorte, wurde vermutlich an der Ausgangsbasis oder am Verfahren gespart.

Häufige Fragen

Ist alkoholfreier Wein wirklich ohne Alkohol?

In Deutschland darf „alkoholfrei" bis zu 0,5 % vol. Restalkohol enthalten. Produkte mit der Angabe 0,0 % liegen unter der lebensmittelrechtlichen Nachweisgrenze. Wer strikt verzichten muss oder möchte, achtet auf diese Kennzeichnung.

Wie wird alkoholfreier Wein hergestellt?

Zunächst wie klassischer Wein: lesen, pressen, vergären. Dem fertigen Wein wird der Alkohol anschließend entzogen — meist per Vakuumdestillation, bei der er unter Unterdruck schon bei niedrigen Temperaturen verdampft, oder über eine Schleuderkegelkolonne, bei der Aromen abgetrennt und nach dem Alkoholentzug zurückgeführt werden.

Wofür stehen die Gradzahlen bei der Geiger Grad-Linie?

Für die Temperatur, bei der der Wein entalkoholisiert wird. Unter Vakuum verdampft der Alkohol bereits bei gut 30 °C, und jede Rebsorte bekommt die Temperatur, die ihre Aromatik am besten übersteht — der Riesling 32 °C, der Pinot Noir 37 °C.

Welcher alkoholfreie Wein schmeckt wie echter Wein?

Weißweine und Schaumweine kommen am nächsten heran, weil Säure, Frucht und Perlage die Entalkoholisierung gut überstehen. Bei Rotweinen ist es anspruchsvoller, weil Körper und Tannin-Empfinden eng am Alkohol hängen.

Ist alkoholfreier Wein gesünder als normaler Wein?

Er enthält praktisch keinen Alkohol und deutlich weniger Kalorien — das sind die beiden belegbaren Unterschiede. Daraus lässt sich aber keine gesundheitsfördernde Wirkung ableiten, und wir behaupten das auch nicht. Wer aus gesundheitlichen Gründen auf Alkohol verzichtet, bespricht das am besten ärztlich.

Hält alkoholfreier Wein nach dem Öffnen länger?

Nein, kürzer. Alkohol wirkt im Wein konservierend — ohne ihn oxidiert der Wein schneller. Eine geöffnete Flasche sollte innerhalb von zwei bis drei Tagen getrunken und im Kühlschrank gelagert werden.

Wie lagert man alkoholfreien Wein?

Kühl und dunkel wie klassischen Wein, aber deutlich kürzer: Die meisten alkoholfreien Weine sind auf ein bis zwei Jahre nach der Abfüllung angelegt, nicht auf Reifelagerung.

Welches Glas passt zu alkoholfreiem Wein?

Das Glas folgt der Rebsorte, nicht dem Alkoholgehalt. Ein Riesling ohne Alkohol gehört ins Riesling-Glas, ein Pinot Noir ins Burgunderglas. Die Form hebt die sortentypischen Aromen hervor — und genau die sind das, was von diesem Wein erhalten geblieben ist.

Was Sie aus dem Sortiment kennenlernen sollten

Und wenn Sie den alkoholfreien Wein weiterverarbeiten möchten: Als Basis für einen alkoholfreien Aperol Spritz eignen sich die trockenen Sorten besonders gut, und in Alkoholfreie Cocktails finden Sie zehn weitere Ideen.



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